Gedenkschrift über die Völser Hexenprozesse von 1506 und 1510.

Hintergründe, Recherchen, Schlussfolgerungen

 

Einleitung

Es gibt sie überall zwischen Völs und Kastelruth (in Südtirol, Italien), flugbereit auf Balkonen und Terrassen, in Wohnzimmern und Schau­fenstern - und auf einer großen Zahl von Webseiten der Ho­tels und Pensionen: Teils durchaus niedliche und putzige, teils hässliche warzenverzierte, spitzkinnige, ringelbestrumpfte Puppen mit spitzem schwarzen Hut auf dem Kopf, den eine große gelbe Schnalle ziert. Im zerschlissenen bunten Flicken­kittel und einem anzüglichen Besenstiel zwischen den Beinen werfen sie dem neugierigen Gast, der die Zusammenhänge nicht kennt, ein hämisches Lachen ins Gesicht. Manche Touristen sammeln sie nachgerade und führen das Hexenvolk zurück nach Italien, wo die Inquisition ihren Aus­gang genommen hat. Oder sie enden zwischen Gartenzwer­gen und Vogelhäuschen in einem bundesdeutschen Vorgar­ten, die Hexenpuppen, und drehen sich langsam im Wind.

Was soll das?, mag sich einer fragen, dem die Sache mit dem Hexenwesen unter die Haut geht, der an Tausende Frauen denkt, die mit durch die Folter verrenkten Gliedern auf dem Scheiterhaufen brennen, wo die Wahrheit doch die ist, dass -

Wenn Sie dazu bereit sind, werden wir gemeinsam eine Reise in die Völser Vergangenheit unternehmen, in eine Zeit, die, wie andere belastende Zeiten auch (der Nationalsozialismus etwa), vielleicht nur widerwillig ins Bewusstsein vordringen und sich doch nicht völlig verdrängen lassen. Lassen wir's doch, wie es ist, mag man denken. Warum in der Vergangenheit kramen, wenn's in der Gegenwart genug Probleme gibt...

Der Anlass zu dieser Gedenkschrift ist ein Jahr, das uns im ersten Moment nicht viel sagt: 1506. 1492, ja, die Schüler wissen von der Entdeckung Amerikas; 1809 die Tiroler Frei­heitskämpfe. Aber 1506? Um es kurz vorweg zu nehmen: Am 7. Juli jenes fernen Jahres, vor einem halben Jahrtausend also, sind hier in Völs Menschen bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, weil man sie für Hexen und Zauberer hielt. Und unsere Vorfahren waren dabei - als betroffene Opfer oder gar als Täter.

Die Gemeindeverwaltung möchte mit einigen Veranstaltun­gen und mit einer Gedenkschrift dieser schrecklichen Ereig­nisse gedenken. Sie, liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, sind eingeladen, durch Ihr Interesse und Ihre Anteilnahme einen Abschnitt unserer Völser Vergangenheit zu reflektieren und sie damit ein Stück weit zu bewältigen. So können wir als Nachgeborene Verantwortung für ein kollektives Verbre­chen übernehmen, das unsere Altvorderen auf Grund ihrer Befangenheit, auf Grund ihres Gefangen-Seins in ihrer Zeit, an ihren unschuldigen Mitbürger/innen begangen haben.

Ich habe die Aufgabe übernommen, Sie als Ihr Zeitreisefüh­rer in jene Zeit zu begleiten, die einerseits trotz allen Bemüh­ens ein völliges Rätsel darstellt, andererseits jedoch zeitüber­greifende menschliche Schwächen sichtbar macht. Immer noch gehen wir in Momenten der Not und des Unglücks auf die Suche nach Schuldigen, weil wir unsere eigene Verant­wortung nicht sehen, nicht übernehmen wollen oder können. Noch immer setzen wir Gerüchte in die Welt und werden ih­rer nicht mehr Herr; noch immer geben wir einzelnen mehr Macht als ihnen zusteht und als sie verantworten können; noch immer werden Frauen bloß ihres Geschlechts wegen be­nachteiligt; und Folter gibt es auch heute noch, und das nicht nur in Guantanamo. Aber wir verbrennen nicht mehr, das ist wohl wahr.

Wir werden untersuchen, inwieweit wir aus dem, was vor fünfhundert Jahren vor unserer Haustür passiert ist, Lehren für unsere Gegenwart ziehen können. Wenn das möglich ist, haben wir die Reise nicht umsonst gemacht. Eine Vergnü­gungsreise wird es ohnehin nicht.

Das Phänomen der Hexenverfolgungen ist äußerst komplex und ohne Hintergrundwissen nicht nachvollziehbar. Wir wer­den uns darum mit Aspekten der damaligen Zeit beschäfti­gen, in deren Zusammenschau das Phänomen vielleicht in etwa verstanden, „begriffen" werden kann. Ich habe meine Recherchen und meine Schlussfolgerungen nach bestem Wissen und Gewissen vorgenommen, dennoch ist meine Schwerpunktsetzung subjektiv ebenso wie meine Art der Darstellung; ich bin weniger als ein der Objektivität verpflichteter Historiker (der ich ja nicht bin) ans Werk ge­gangen, sondern als engagierter, nach Verstehen und Ver­ständnis suchender nachgeborener mit betroffener Völser.

Lasst uns nun unsere Reise beginnen.



Gedenkschrift zu den Völser Hexenprozessen

gewidmet den unschuldig gerichteten Völser Frauen und Männern

 

Erhältlich bei der

Gemeinde Völs am Schlern

Dorfstraße 14

I-39050 Völs am Schlern

http://www.gemeinde.voels.bz.it/